Berlin um 1880: Aus Oberschlesien wandern die Cassirers ein. Sie werden die Stadt prägen mit ihrem Gründergeist, mit ihrem Kunstverstand, mit ihrer Philosophie. Nach 1933 müssen sie flüchten. Eva Cassirer ist heute die Letzte ihrer Familie in Berlin
Von Wolf Jobst Siedler
Man soll sich nichts vormachen. In Berlin gab es nie ein Bürgertum von der Bedeutung der Augsburger Fugger oder Welser, die seit dem 13. Jahrhundert so mächtig und reich waren, dass sie selbst die Kaiserwahl finanzieren konnten. Auch aus Hamburg, Bremen, Lübeck, Danzig oder Königsberg sah man lange geringschätzig auf Berlin herab; die großen Handels- und Reederfamilien der Hansestädte waren mächtig schon, als Berlin gerade ein paar Tausend Einwohner zählte. Patrizier gab es streng genommen in Berlin vor dem 18. Jahrhundert nicht, und erst seit dem 19. Jahrhundert wurde das Berliner Bürgertum wichtig und einflussreich. Der Aufstieg der Hohenzollernresidenz fand sehr langsam statt, als die brandenburgischen Kurfürsten sich selber zu preußischen Königen erhoben, wurden sie allmählich ernst genommen, aber erst als deutsche Kaiserstadt fing Berlin an, neben die Metropolen London und Paris zu treten.
Von diesem Emporkommen Berlins ist der Aufstieg des Berliner Judentums nicht zu trennen. Gerade jüdische Familien gaben der Stadt Bedeutung und Glanz, ob man nun die Rathenaus nimmt, Vater und Sohn, die die AEG gründeten, oder die Mendelssohns, die sehr bald schon nicht nur in dem Geldgeschäft, sondern sich auch in der Kunstwelt etablierten und die Dynastie der großen Verlegerfamilie, der Ullsteins. Um 1880 tritt neben sie die weitläufige Familie der Cassirers, an denen sich der Weg all dieser Familien in Geist und Kultur ablesen lässt.
Stefan Zweig hat dazu die hellsichtige Bemerkung gemacht, dass sich an all diesen jüdischen Familien der Weg des Judentums zeigt: "Fast immer ist im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, dass ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde."
Die Cassirers, aus Oberschlesien stammend, zählen im Wilhelminischen Reich wie in der aus der Revolution hervorgegangenen deutschen Republik zu den maßgebenden Familien Berlins. Das ist das Merkwürdige, und das unterscheidet diese jüdischen Einwanderer von den heutigen jüdischen Zuwanderern, dass sie schon in der jeweils nächsten Generation zur Elite gehören; sie wohnten erst in der Rankestraße, dann in der Joachimstaler Straße und schließlich in der Kaiserallee, der heutigen Bundesallee. Die Cassirers müssen einen untrüglichen Sinn für das Neue gehabt haben, an den Wänden flämische Gobelins, im Herrenzimmer russische Ikonen und Familienportraits von Max Liebermann. Das alles erinnert an die Berliner Pringsheims, die später nach München gingen, und die als Schwiegereltern Thomas Manns, der die bildschöne Tochter Katja heiratete, in die Kulturgeschichte eingingen.
Der Aufstieg Deutschlands zur Industriemacht war auch der Aufstieg seines jüdischen Bürgertums. Sie sitzen bald in den Vorständen vieler großer Industrieverbände, gründen die Kabelwerke, sie kontrollieren die Gas- und Wasserversorgung Charlottenburgs und gehören dem Vorstand der Industrie- und Handelskammer an. Vor allem ließen sie sich sehr bald schon taufen, traten also zum Christentum über, wie eine amüsante Anekdote berichtet, die der berühmte Berliner Bankier Fürstenberg, selber ein getaufter Jude, voller Selbstironie erzählt: "Ein eben getaufter jüdischer Finanzmann zeigt Fürstenberg seine neu eingerichtete Wohnung. Er führt ihn in den Salon und sagt: "Achtzehntes Jahrhundert'. Er zeigt sein Arbeitszimmer und sagt: "Deutsche Renaissance des 16. Jahrhunderts'; und im Wohnzimmer verkündet er: "Anfang des 19. Jahrhunderts'. Dann durchschreitet er schnell einen kleinen Raum, ohne etwas zu sagen: "Was ist denn dieses', fragt Fürstenberg. "Oh, das sind nur alte Möbel von meinen Eltern', antwortet der Finanzmann. "Also vorchristliche Zeit', sagt Fürstenberg."
So waren die Cassirers in zweierlei Hinsicht charakteristisch für das Berliner Judentum. Sie kamen aus dem Osten, und sie kamen spät nach Deutschland, dann aber bildeten sie sehr bald schon eine weit verzweigte Familie, so dass man Mühe hat, sich unter all den Brüdern, Neffen und Vettern zurechtzufinden. In der letzten Generation vor dem Einbruch der Nazis, mit denen die Geschichte des Berliner Judentums zu Ende geht, gehören die Cassirers zur Berliner Gesellschaft und zwar auf den verschiedensten Feldern. Die einen werden im Holzhandel, im Geldgeschäft und im Kunsthandel reich, die anderen in der Gründung der Berliner Kabelwerke, Ernst Cassirer wird als Ordinarius für Philosophie ein großer Gegenspieler Martin Heideggers, und Fritz Cassirer ist ein berühmter Musiktheoretiker. Es ließen sich viele Mitglieder dieser Familie aufzählen.
Diese Welt ist untergegangen, nicht nur übrigens die Welt des Berliner Judentums, sondern auch die Welt des Berliner Bürgertums. Es gibt natürlich noch bemerkenswerte Familien in dieser Stadt, aber zwischen 1880 und 1933 hatte das jüdische Bürgertum dazu beigetragen, dass Berlin an der Tête Europas marschierte. Nach der "Machtergreifung" blieben die Cassirers noch jahrelang in Berlin, einige verließen die Stadt erst im Jahr 1939; sie konnten sich von Berlin nicht trennen. Heute sind sie alle über die Welt verteilt. Berlin hat mit ihnen viel verloren.
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